Geschwindigkeit ist mittlerweile das Maß aller Dinge im Sicherheitswettrüsten. Feindselige Akteure setzen, wie das Beispiel der mit einer Sprengvorrichtung beladenen Drohne am Flughafen Leipzig/Halle zeigt, auf unbemannte Flugobjekte offensiver ein. Schnelle Lösungen zur Detektion und Neutralisierung soll das neue Hessische Drohnenkompetenzzentrum (hdkz) am Flughafen Kassel liefern.
Dass es auch schnell in der Bundesrepublik gehen kann, stellt das hdkz schon vor seiner Gründung unter Beweis. Stolz berichtet die Direktorin des neugegründeten Kompetenzzentrums, Prof. Dr. Michèle Knodt, dass es von der Idee bis zum Förderbescheid gerade mal sieben Monate gedauert habe. Diese Geschwindigkeit will das hdkz auch in seinen Betrieb mitnehmen. Ausgegebenes Ziel des neuen Zentrums ist es, die Innovationszyklen im Bereich der Drohnenforschung, deren angrenzenden Bereiche aus Sensorik, Künstlicher Intelligenz und Kommunikation sowie die Einbringung in den Markt zu beschleunigen. „Die meistgestellte Frage laute in Interviews vor der Eröffnung immer: Brauchen wir noch ein Drohnenzentrum? Die Antwort ist: Ja, aber wir brauchen nicht noch mehr Einzelkompetenzen, denn davon haben wir bereits viele“, so Knodt. Die Frage sei nicht, wo noch in kleinen Bereichen einzelne Kompetenzen aufgebaut werden müssen. Die Verantwortlichen des hdkz haben deshalb auf die Entwicklungen der vergangenen Jahre geblickt.
Neue Struktur braucht das Land
„Dabei schauen wir natürlich auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Wir sind hier nicht im Krieg, aber Ähnliches findet auch bei uns statt: eine hybride Bedrohung unserer Gesellschaft und unseres Staates. Gleichzeitig sehen wir eine Beschleunigung der Innovationszyklen, bei der wir mit unseren bestehenden Strukturen derzeit nicht hinterherkommen. Das heißt: Wir brauchen neue Strukturen für Innovationen im Bereich der unbemannten Systeme. Genau das war unser Ausgangspunkt“, so Knodt.
Mit dieser neuen Struktur will das hdkz Silos aufbrechen und ein Innovationsökosystem aufbauen. In diesem Ökosystem sollen Wissenschaft, Wirtschaft und öffentliche Anwender miteinander verbunden werden. Dazu müssten Forschung, Erprobung, Qualifizierung und Anwendung dauerhaft verbunden werden. Dazu sei auch der reale Betrieb am Flughafen Kassel wichtig.
Für die Forschung und den Transfer hat sich das Zentrum mehrere verbundene Blöcke vorgenommen. Klassisch nimmt sich das hdkz dem Thema der unbemannten Luftfahrtsysteme an. Darunter fallen der sichere Betrieb außerhalb der Sichtweite (BVLOS), eine fehlertolerante Systemarchitektur, KI-gestützte Systemzuverlässigkeit und unterbrechungstolerante Kommunikationsnetze für Krisenlagen. „Viele von uns kennen sich schon lange, gerade aus dem Katastrophenschutz. Spätestens seit dem Berliner Stromausfall wissen wir: Vergessen Sie die Maßgabe, dass unsere Kommunikationssysteme zwei Stunden lang funktionieren müssen. Wenn der Strom ausfällt, besteht eben keine Kommunikationsmöglichkeit mehr – zumindest nicht mit den klassischen Systemen“, so Knodt. Ein weiterer Punkt ist die Identifikation von unbemannten Luftfahrzeugen sowie Sensorik. Gemeinsam mit Kollegen entwickelt das hdkz Systeme, die z. B. Gase erkennen können. Hinzu kommt ein intelligenter Einsatzplaner. Denn wenn eine Sensorik bereits erkennen kann, dass es sich um einen Fehlalarm handelt, muss die Drohne gar nicht erst dorthin fliegen.
„Technik ist eine Sache, und Technik brauchen wir ganz wichtig. Aber genauso wichtig ist die Regulierung. In diesem Bereich gibt es zum Teil noch erhebliche Lücken“, mahnt Knodt. Governance für technologische Innovation nennt sie das. Dort geht es um vertikale Vernetzung über verschiedene Ebenen hinweg – von der Kommune bis zur europäischen Ebene und zurück. Gleichzeitig geht es um die horizontale Vernetzung verschiedener Akteure, insbesondere wenn es um die Regulierung und den sicheren Einsatz unserer Luftfahrtsysteme geht.
Refinanzierung als Ziel
„Wir leben in volatilen politischen Zeiten, in denen wir uns überlegen müssen, wie wir uns als Land aufstellen, um die Zukunft so zu gestalten, dass unsere Bürgerinnen und Bürger sich in einer Zukunft bewegen können, die für uns sicher, aber zugleich auch innovationsorientiert ist“, erklärt Prof. Dr. Kristina Sinemus (CDU), hessische Ministerin für Digitalisierung und Innovation. Drohnen seien dabei ein wichtiger Baustein. Mit dem hdkz will das Land Hessen die Lücke zwischen Forschung und Anwendung schließen. Deswegen stammen aus dem Förderbescheid für das Zentrum in Höhe von acht Millionen Euro 4,8 Millionen Euro aus dem Digitalministerium in Wiesbaden. Die weiteren 3,2 Millionen Euro werden von der EU gestellt. „Das ist eine Anschubfinanzierung, keine dauerhafte Finanzierung. Es ist ein Versprechen in die Zukunft, aber wir möchten natürlich, dass sich diese Investition auch wieder refinanziert“, so Sinemus. Es ist der Wunsch, dass die Investitionen in die Region fließen und dabei insbesondere auch die Start-ups und mittelständischen Unternehmen der Region unterstützen.
Diesen Wunsch hat auch Désirée Derin-Holzapfel. Präsidentin der IHK Kassel-Marburg. Der Förderbescheid sei ein Versprechen für die Region. „Es muss uns jetzt gelingen, dass aus diesem Versprechen – aus der Förderung – Forschung hervorgeht, aus der Forschung die konkreten Anwendungen, die wir dann in eine wirkliche Wertschöpfung überführen können“, hofft Derin-Holzapfel. Der Standort am Flughafen Kassel sei dafür prädestiniert. Er infrastrukturell sei groß genug, um einen Realbetrieb zu bieten, aber klein genug, um die Wege kurz zu halten.
Doch bevor diese Wünsche und Ideen Wirklichkeit werden, liegt noch eine Menge Arbeit vor dem Zentrum. Lars Ernst, Geschäftsführer der Kassel Airport GmbH, mahnt an: „Die wichtige Phase beginnt jetzt: der Aufbau des hdkz.“




